9.6. Brasilien
Von Cabadelo nach Sao Luis
Mitte August komme ich vollbeladen wieder auf dem Flughafen in Recife an. Die drei Wochen Heimaturlaub in Deutschland waren fuer mich viel zu kurz, aber Norbert freut sich sehr, mich wieder in die Arme schliessen zu koenenn und nicht mehr Singlehandankerer zu sein. Ich freue mich auch, obwohl es sehr schoen war alle Freunde und die Familie wieder zu sehen, aber hier, auf unserem Boot bin ich zuhause. Norbert war waehrend meiner Abwesenheit fleissig, ein neues Gewuerzregal verschoenert unsere Pantry und auch die Tuer erstrahlt in neuem Glanz.
Jetzt macht sich bei uns aber langsam Aufbruchstimmung breit, wir machen uns segelklar, das heisst wir fallen noch einmal trocken, um den Schlamm von Jacare loszuwerden und das neue Raedchen fuer unser Log einzubauen. Dann heisst es noch einkaufen und Abschiednehmen. Viele Schiffe werden wir in der Karibik wieder treffen, aber unsere Jungs von der Bar koennen wir nicht mitnehmen. So faellt der Abschied dann auch typisch brasilianisch aus, Kuesschen hier und Kuesschen da und jeder hat eine Traene im Auge. Auch die Behoerden verabschieden uns mit vielen guten Wuenschen und der Einladung, doch wieder mal nach Brasilien zu kommen. Das versprechen wir natuerlich. Denn wir klarieren richtig aus, da unser halbjaehriges Visa abgelaufen ist. Und hoffen das wir nicht erwischt werden.
Am Dienstag den 30.09.05 ist es dann soweit, der Bug unserer “Antje” schiebt sich aus dem Fluss und tanzt nun endlich wieder auf dem offenen Meer. Sie scheint ihren Spass zu haben, denn bei 5 Bft. mit der entsprechend hohen Welle geht es gut voran. Unser Ziel ist Sao Luis, 780sm noerdlich von Cabedelo. Ich habe wieder mit meiner zweitaegigen Seekrankheit zu kaempfen und auch Norbert muss sich erst an die Schiffsbewegungen gewoehnen. Aber er da am zweiten Tag schon die Angel raushaengt, scheint es ihm gut zu gehen. Es gibt wieder reichlich Fisch, auf der gesamten Fahrt fangen wir 2 Golddoraden und 5 Thunfische. Also ist das Abendessen immer gesichert. Da wir teilweise bis zu 3kn Strom haben, der uns Richtung Norden schiebt, fahren wir mit durchschnittlich 7kn und koennen so am Samstag abend schon die Lichter von Sao Luis sehen. Wir segeln die ganze Nacht in die Bucht hinein, mal mit nur 2kn, wenn der Strom von vorne kommt, dann wieder mit 8kn, wenn er schiebt. Um 3 Uhr sind wir kurz vor unserem Ankerplatz, aber da uns die Ansteuerung im Dunkeln und bei Niedrigwasser zu gefaehrlich erscheint, fahren wir erstmal hinter eine andere Insel, ankern dort bis zum Sonnenaufgang. Dann brauchen wir fuer die 3sm bis zum Ankerplatz, wo Micha und Sylvia von der “Tanao” uns schon mit einem Fruehstueck erwarten, nochmal fast 3 Stunden, denn die Stroemung steht gegenan und wir machen unter Motor nur 2kn Fahrt. Aber um 8.30 Uhr ist es geschafft, nach nur 120 Stunden sind wir in Sao Luis angekommen und geniessen das Fruehstueck auf der “Tanao”. Es gibt natuerlich wieder viel zu erzaehlen.
Als am Nachmittag Niedrigwasser ist, sehen wir das unser Anker genau richtig liegt, wir haben noch Wasser unterm Kiel, obwohl um uns herum alles trocken ist, 5m vorm und hinterm Boot nur Sand und Schlamm. Auf den Sandbaenken herrscht reges Fischertreiben, die Leute stehen bis zur Huefte im Wasser und ziehen ein Netz zwischen sich. So fangen sie Garnelen und kleine Koederfische. Die Landschaft um uns herum sieht bei Niedrigwasser voellig anders aus, zumal wir Neumond haben und darum einen Tidenhub von fast 6m. Wo man bei Hochwasser noch segeln kann, steht man jetzt auf dem Trocknen.
Am Abend essen wir mit der Micha und Sylvia zusammen unseren mitgebrachten Fisch und fallen danach erstmal todmuede in die Kojen. 5 Tage und 5 Naechte auf See schlauchen ganz schoen.
Am naechsten Morgen strahlt die Sonne wieder vom wolkenlosen Himmel, seid wir Cabedelo verlassen haben, hat es nicht mehr geregnet und brechen auf zur Stadtbesichtigung. Sao Luis ist die Hauptstadt von Maranhao und war frueher die Hauptstadt einer franzoesischen Kolonie. Es gibt noch viele kachelgeschmueckte Kolonialbauten zu bewundern und die Altstadt ist wirklich wunderhuebsch. Es fehlt ein wenig die Lebenslust der Bahianer, die Leute sind eher ruhig und zurueckhaltend. Wir schlendern auch auf dem Einkaufsboulevard und stocken unseren Bedarf an Havaianas (FlipFlop Badelatschen) und an bras. Bademoden auf.
Zurueck am Strand muessen wir noch warten, es ist Niedrigwasser und wir koennen noch nicht zurueck an Bord, ohne durch den Schlamm zu waten. Aber das kein Problem, das Meer und der kilometerlange, weisse Strand laden zum Baden ein.
Die Tage vergehen wie im Flug, es gibt immer was zutun, Waesche waschen gleich am Wasserhahn an der Strasse, Wasser mit Kanistern aufs Boot schleppen, einkaufen und Fleisch einkochen. Wir starten auch einen zweiten Versuch, Leberwurst selbst zu machen und einzuwecken. Diesmal gelingt es sehr gut, wir haben 8 Glaeser leckerer Gefluegelleberwurst an Bord, die auch alle zu bleiben und Norbert eine Zeit lang ernaehren. Zwischendurch geht es natuerlich immer wieder an den Strand zum Baden oder einfach nur in der Strandkneipe sitzen, Austern schluerfen(wie dekadent) und Leute gucken.
Wir versuchen Informationen ueber unseren naechsten Ankerplatz zu bekommen, wir wollen zur Ilha dos Lencois, von der wir tolle Bilder in einer Zeitschrift gesehen haben. So lernen wir Sergio kennen, der hier in Sao Luis einen Katamaran hat und Bootsbauer ist. Sergio gibt uns nicht nur eine Detailkarte sondern auch viele wertvolle Tips zur Ansteuerung dieser Insel. Das ist naemlich garnicht so einfach, da sich die Sandbaenke rund um die Insel immer wieder verschieben und so neue Barren entstehen koennen. Aber da auch Sergio von der Ilha dos Lencois schwaermt, sind wir wild entschlossen, dorthin zu segeln.
Aber vorher machen wir mit der “Tanoa” zusammen noch einen Ausflug mit dem Boot (nicht unser Boot, sondern ein Ausflugdampfer, ist ja mal was anderes, sich fahren zu lassen) nach Alcantara. Diese koloniale Geisterstadt liegt auf der anderen Seite der Bucht und begeistert uns durch seine Ruinen, die aus dem 18.Jh. stammen und teilweise noch bewohnt sind. Die nostalgische Atmosphaere erinnert wirklich an eine Geisterstadt, aber wir finden trotzdem eine Kneipe in der wir uns staerken koennen. Norbert versucht es nochmal mit Carne de Sol(in der Sonne getrocknetes Fleisch), wird aber nicht besser. Am Nachmittag gehts zurueck mit dem Boot zu unserem Ankerplatz, wir sind ganz schoen erledigt durch die Hitze. Hier in Aequatornaehe haben wir tagsueber immer 35-40°C und es blaest ein heisser Wind.
Kurz bevor wir Sao Luis verlassen, haben wir noch ein schlechtes Erlebnis, in unser Boot wird eingebrochen. Wir sind mit Sergio, seiner Frau und Micha und Sylvia im Yachtclub verabredet. Da wir durch unsere durchweg positiven Erfahrungen in Brasilien anscheinend leichsinnig geworden sind, schliessen wir zwar die Tuer zu, lassen aber die Oberlucke offen und “verstecken” den Schluessel auch noch an Bord. Als wir um Mitternacht zurueck zum Boot kommen, habe ich schon so eine Ahnung, denn im Cockpit steht eine unserer Fotoboxen. Wir haben sie nicht rausgestellt und so weiss ich auf den ersten Blick, das jemand im Boot war. Ein Blick in die Geldboerse bestaetigt dies dann auch, unser ganzes Geld ist weg, 400 Real (ca. 130 Euro). Alles ist sehr aufgeraeumt, die Schraenke sind wieder geschlossen, es liegen keine Dinge umher, auch auf dem Fussboden sind keinerlei Spuren von nassen Fuessen zu erkennen. Wir sehen nach unseren Sachen und stellen fest, das ausserdem unser Hand GPS fehlt, die Digitalkamera, die genau daneben lag, ist noch da. So auch gluecklicherweise der Laptop, die Kreditkarten, die Paesse und was sonst noch wichtig ist . Ein Anruf auf “Tanao”, bei ihnen war gluecklicherweise niemand an Bord. Wir sind natuerlich total geschockt, der materielle Verlust ist das eine, aber eigentlich ist das verlorene Vertrauen viel schmerzhafter. Haben wir uns doch in Brasilien immer sicher gefuehlt, wir haben es ja auch oft erlebt, das uns eher Dinge hinterher getragen werden. Und nun das!!! Wir haben ueberhaupt keine Ahnung wer es gewesen sein koennte, da auch an Deck keinerlei Schlammspuren zu sehen sind, muss der Dieb mit einem Boot gekommen sein. Aber ausser “Tanoa” und uns ist hier kein anderes Boot, ausserdem ist Niedrigwasser, sodass man auch von Land aus nicht zu unseren Boot fahren kann. Am naechsten Tag fragt Norbert die Fischer, ob sie irgendetwas gesehen haetten, aber ausser dem Rat zur Polizei zu gehen, koennen sie uns auch nicht weiterhelfen. Norbert und ich brauchen einige Tage um ueber das Erlebnis hinwegzukommen, immer bleibt ein bloedes Gefuehl, wenn wir das Boot verlassen. Wir wechseln uns mit der Micha und Sylvia bei den Landgaengen ab und beschleunigen unsere Abfahrtvorbereitungen. Irgendwie fuehlen wir uns nicht mehr wohl hier in Sao Luis, bei jedem Menschen dem wir begegnen, denken wir, vielleicht war er es. Das schafft natuerlich eine unangenehme, misstrauische Atmosphaere und so sind wir fast froh, als wir am Donnerstag den 22.9. mit ablaufendem Wasser aus der Bucht segeln. Wir wollen zur Ilha dos Lencois, 120sm noerdlich von hier und hart am Wind geht es auf Kurs.