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1.5.2005

9.1. Geschichten aus Brasilien

Abgelegt unter: 009.1 Brasilien — admin @ 10:13

Geschichten aus Brasilien

Salvador und Segeln in der Bahia de Todas os Santos

Die erste Nacht vor Anker ist das Beste nach einer langen Ueberfahrt. Wir geniessen es immer wieder, zur gleichen Zeit in die gleiche Koje zu fallen, ohne das man sich Gedanken um die Wacheinteilung machen muss. Es ist ein tolles Gefuehl kurz aufzuwachen, nur um sich nochmal gemuetlich umzudrehen. Wir fruehstuecken lange, denn immer wieder schauen wir auf die Stadt und malen uns aus, was Salvador fuer uns bereit haelt. Aber es ist komisch, in Berichten von anderen Fahrtenseglern haben wir oft gelesen, das sie gleich nachdem Landfall ins Dinghi springen um an Land zu fahren. Wir sitzen erstmal nur da und schauen, man koennte meinen, wir haetten Angst das Boot zu verlassen. Anne und Jochen von der Leoa kommen zu uns an Bord, wir hatten waehrend der gesamten Atlantikueberquerung Funkkontakt und es gibt natuerlich viel zu erzaehlen. Sie geben uns auch Tips zum Einklarieren und wo man Geld bekommen kann. Am Nachmittag trauen wir uns dann endlich von Bord und werden gleich nach dem Verlassen, der bewachten Marina, fast vom Auto ueberfahren. Unsere Schuld, wir sind solch einen Verkehr nicht mehr gewohnt. Beim ersten Versuch spuckt der Geldautomat genuegend brasilianische Reals aus und dann stuerzen Norbert und ich uns in das Leben. Schon am ersten Tag probieren wir fast alles, was die Strassenhaendler zu bieten haben. Kokosnuesse, gut gekuehlt, frisch gepressten Zuckerrohrsaft, gekochte Maiskolben, gegrillten Kaese und natuerlich die exotischen Fruechte. Wir koennen nur die Limetten idendifizieren, alle anderen Fruechte kennen wir nicht und muessen erstmal erfragen, wie man sie denn isst. Spaeter bekommen wir auch die Namen raus und entwickeln Vorlieben fuer einige Sorten. Aber am ersten Tag probieren wir alles was es gibt. Und dann, nach nur einer Stunde umherlaufen, sind wir auch schon geschafft und goennen uns da erste brasilianische Bier, Brahma!!! Das schmeckt!!! Und die Preise, eine 600ml Flasche kostet 2,20 Real, das sind 0,70 Eurocent. Wir goennen uns gleich noch eine zweite Flasche und sind dann auch ziemlich angetuettert, als wir zurueck an Bord kommen. Aber vorher, beim Bier, gucken wir erstmal ausgiebig Leute, Salvador die “schwarze Seele” von Brasilien, macht seinem Namen alle Ehre. Um uns herum nur schoene, stolze Menschen in allen Schattierungen der Farbe Brau. Die Gesichter sind zwar nicht so ebenmaessig wie auf den Kapverden, aber sie strahlen und lachen. Immer wieder werden wir mit einem in die Hoehe gestreckten Daumen begruesst. Das heisst “Alles klar”, “Gut”, “Willkommen”, “Das ist lustig” und noch vieles mehr. Selbst die kleinsten Brasilianer lernen diese Geste, bevor sie sprechen koennen.

Eine alte Frau kommt auf uns zu und spricht unentwegt auf mich ein, ich verstehe kein Wort, “Nao compreendo”. Ploetzlich sagt sie in bestem Englisch” Give me your money”, ich antworte prompt ” I have no money” . Dieser Dialog loest auf beiden Seiten grosses Gelaechter aus, und damit ist die Sache dann auch erledigt. Wir verabschieden uns mit hochgestrecktem Daumen voneinander und alles ist gut. So sieht unsere erste Begegnung mit dem Betteln in Brasilien aus und auch spaeter machen wir keine wirklich unangenehmen Erfahrungen. Wir lassen uns von Brasilianern erzaehlen, das jeder Beduerftige 3 Mahlzeiten am Tag kostenlos erhaelt, wenn er denn in die oeffentlichen Restaurants geht und niemand wirklich hungern muss. Vom Tourismusbuero werden Handzettel verteilt, auf denen man aufgefordert wird, kein Geld zu geben, da es oft nur in Drogen umgesetzt wird. Am Anfang faellt es uns sehr schwer nein zu sagen, aber wir muessen selbst erleben wie Kinder, von Erwachsenen zum betteln geschickt werden, und diese ihnen dann das Geld abnehmen.
Es faellt uns schwer zu akzeptieren, das Menschen auf der Strasse schlafen muessen, wo es doch alles im Ueberfluss zu geben scheint. Auf den Kapverden waren die Leute auch arm, aber sie leben in einer intakten Gemeinschaft, jeder hat eine Unterkunft und etwas zu essen. In Brasilien ist der riesige Unterschied zwischen arm und reich das Problem. Die einen leben in bewachten Luxusappartments, die anderen schlafen in Hauseingaengen auf einem Stueck Pappe. Aber wir koennen das Problem nicht loesen indem wir Almosen verteilen. Zum einem haben wir nicht soviel Geld, um allen etwas geben zu koennen und zum anderen moechten wir auch nicht entscheiden wer etwas bekommt und wer nicht. Sollen wir nur dem hungrig aussehenden,niedlichem Kind etwas geben, oder auch der Frau, die uns mit leidender Miene ihre gut verheilten Narben einer alten Verbrennung zeigt? Wir sehen einen Mann der nach einer Unterschenkelfraktur seinen externen Fixateur nicht wieder entfernen liess, um so das Mitleid der Passanten zu erwecken. Die nach aussen zeigenden Metallstaebe sehen schoen gruselig aus, es waere doch bloed diese Einnahmequelle zu verlieren.
Wir sind hin und her gerissen und auch viele Gespraeche mit anderen Seglern und Einheimischen, geben uns keine Gewissheit, was der richtige Weg ist. Wir denken die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen und so geben wir niemals Geld, sondern kaufen den Kindern manchmal etwas zu essen, oder lassen, wie viele Brasilianer, das restliche Essen im Restaurant einpacken, um es dann auf der Strasse einem Kind zugeben.

Wir bleiben 10 Tage in Salvador und lassen uns verzaubern. Von der Mentalitaet der Menschen, die immer ein Lachen oder ein Lied auf den Lippen haben, vom maroden Charme der alten Kolonialbauten, aus deren Daechern nicht selten ein Baum waechst, von der Vielfalt der Fruechte und dem bunten Treiben auf den Maerkten und natuerlich von der Musik, der Samba. Am Samstag, landen wir nach einem Einkaufsbummel, in “unserer” Sambakneipe. Die Band sitzt mitten im Saal an einem Tisch und singt und spielt ohne jegliche Verstaerkung so laut, das eine Unterhaltung nicht mehr moeglich ist. Am Anfang sitzten die Leute an ihren Tischen, essen, trinken und klatschen und singen im Takt mit. Aber dann ist niemand mehr zu halten, am Ende tanzt und singt die ganze Kneipe. Auch mich haelt es nicht mehr auf dem Stuhl, ich tanze Samba, muss aber feststellen, das uns Europaeern ein entscheidender Muskel im Hintern fehlt, um richtig Samba tanzen zu koennen. Die Leute schwingen die Hueften, das einem schon von zusehen schwindlig wird.
Als ich es nach vielen Versuchen schaffe, meine Huefte in sambaaehnliche Schwingungen zu bringen, klatscht der ganze Saal, endlich hat sie es geschafft!
Jedesmal wenn wir wieder in Salvador( was uebrings Zaawadoooo gesprochen wird) sind, gehen wir in “unsere” Sambakneipe und werden schon bei unserem zweiten Besuch mit Kuesschen und Handschlag vom Wirt begruesst. Wir fuehlen uns willkommen und geniessen die Atmosphaere zwischen all den froehlichen Menschen. Beim dritten Besuch bekomme ich dann auch endlich den Titel
unseres Lieblingsliedes heraus und kann spaeter eine CD kaufen. Immer wenn wir jetzt Samba hoeren, denken wir an diese Kneipe zurueck und wieviel Spass wir dort hatten.

Wir beschliessen uns ein bisschen Ruhe von dem “Grossstadtstress” zu goennen und segeln 14sm in der Bahia zur Ilha do Frade. Dort angekommen, ankern wir ganz allein vor Bom Jesus. Die Stille haelt uns gefangen, kein Laut ist zu hoeren, in Salvador gab es immer Musik oder Strassenlaerm. Nur der Ruf eines Vogels dringt aus dem Urwald, am Abend hoeren wir die Affen schreien. Bei Temperaturen um 27°C in der Nacht, schlafe ich draussen im Cockpit. Ueber uns nur die Sterne und der entfernte Lichtschein von Salvador. Es ist wie in einer anderen Welt.
Eine Woche bleiben wir hier, wir fahren mit dem Dinghi in den Fluss und erkunden die Gegend. Wir saugen das Gruen des Urwalds in uns auf, so gruen war es das letztemal in Falmouth. Wir gehen auf die Sandbank und sammeln Muscheln, das erinnert uns an Alvor. Oder wir machen eine Ausflug in den Dschungel, um Mangos und Kokosnuesse zu sammeln, bevor wir von den Bremsen vertrieben werden. Zum einkaufen fahren wir mit dem Dinghi nach Bom Jesus, dort kann man auch gleich morgens um 10 Uhr ein Bier kaufen und gemuetlich vor dem Laden zu trinken. Machen alle, also wir auch. Es ist aber auch wirklich heiss, am Tag gut 34°C und in der Nacht mind. 27°C. Mittags liegen wir oft nur im Schatten und lesen oder halten Siesta. Von Fischern die vorbeikommen, kaufen wir fuer 15 Euro 3 Kilo frische Langusten. Immer wieder staunen wir, wie billig hier alles ist.
Am Wochenende machen die Einheimischen Ausfluege und kommen “Segelboot gucken”. Die Familie sitzt gemeinsam im Einbaum, sie drehen eine Runde um unser Boot, man gruesst sich freundlich und fragt wie es geht. Dann wieder Winken und weg sind sie, es ist sehr lustig fuer uns und anscheinend auch fuer sie.

Am naechsten Sonntag brechen wir auf und motoren weiter in den Rio Paraguacu. Es weht kein Lueftchen und wir haben 44°C im Schatten. Das ist selbst uns zu heiss und so ankern wir auch gleich vor der ersten Insel im Fluss, wo etwas Strandartiges am Ufer ist. Der Fluss ist nicht wirklich einladend, das Wasser ist schwarz, zwar von den Blaettern die faerben, aber es treibt auch genuegend Zeug auf der Oberflaeche. Am Ufer finden wir eine Suesswasserquelle und so verbringen wir den nachmittag damit, uns gegenseitig Wasser ueber den Kopf zu giessen . Wir muessen uns erst an die Hitze gewoehnen, am schlimmsten ist es, das wir nachts nicht schlafen koennen, da es nicht wirklich kuehler wird. Wir gehen oft schon um 8 Uhr schlafen, da um 5.30 Uhr die Sonne aufgeht und dann wird es auch gleich heiss. Am naechsten Tag fahren wir weiter nach Maragojipe, hier geht es noch gemuetlicher zu als in Ilha do Frade. Die Kinder lassen kleine Drachen steigen, oder springen immer wieder in den Fluss zum Baden. Die Menschen aus der laendlichen Umgebung kommen per Pferd in die Stadt und um die Mittagszeit sieht man dann die Pferde im Schatten doesen und der Besitzer liegt gleich daneben unterm Baum und schlaeft auch. Nachts im Cockpit, werde ich vom Gesang der Fischer geweckt. Hier bestimmt die Tide den Lebensrhytmus, wenn nachts Ebbe ist, faehrt man dann eben zur Reuse, um die Fische zu holen. Oder wir sehen, wie in dem Maerchen wo alle an einer Ruebe ziehen, hier die Leute gemeinsam das Netz einholen. Und dabei wird immer gesungen und sich lauthals unterhalten. Am lustigsten ist es, wenn der eine, der lesen kann, versucht den Namen unseres Bootes zu buchstabieren. Wenn wir dann helfen, gibt es immer viel zu lachen, weil alle versuchen “Antje” zu sagen. Meist wird aber doch Angela daraus.
Ueberhaupt findet sich immer ein Grund zum Lachen, einmal begegnen wir im Ort einer Gruppe von jungen Burschen, die einen Schrank tragen. Sieht nach Umzug aus, aber warum drehen sie sich immer wieder zu uns um und bleiben dann sogar an der Strassenecke stehen und lachen sich halb tot, ohne den Schrank abzusetzten? Als wir am Ende der Strasse auf eine Sackgasse stossen, ahnen wir warum. Sie amuesieren sich koestlich, das wir in einer Sackgasse gelandet sind. Wir drehen also um und gehen zurueck. Eine Frau kommt uns entgegen, lacht sich halb schlapp und sagt immer wieder, “Ach wie lustig, hier geht die Strasse nicht weiter und ihr seid trotzdem reingegangen”, das erzaehlt sie auch jedem den wir auf dem Rueckweg treffen und auch den Leuten, die unterwegs aus dem Fenster gucken. Die ganze Sache loest grosse Heitekeit aus und so koennen auch wir uns zum Schluss kaum noch halten vor lachen. Die Frau bringt uns zur naechsten Kreuzung und zeigt uns den richtigen Weg, aber nicht ohne vorher nochmal in lautes Gelaechter auszubrechen. Wir haben den Eindruck, fuer die naechste Zeit Ortsgespraech zu sein.
Wir machen eine Ausflug mit dem Bus nach Cachoeira, eine vertraeumte Stadt mit Kolonialarchitektur. Hier gibt es auch eine ehemals deutsche Tabakmanufaktur, die Dannemann Fabrik ist heute Kulturzentrum. Hier wird viel gebaut, um die schoenen Haeuser zu erhalten, wir schlendern durch die Stadt, sehen uns alles an, aber am Ende ueberwiegt doch wieder das Praktische. Essen kaufen auf dem Markt und die Suche nach einem Ersatzteil. Spaeter landen wir in einer Kneipe, Norbert bestellt auf portugisiesch ein Bier, aber die Frau hinterm Tresen versteht ihn nicht. Wir versuchen das Wort Cerveja (Bier) in allen Varianten auszusprechen, irgendwann klappt es dann und die Bedienung zieht ab, um auch in der Kueche die lustige Geschichte zu erzaehlen. Nachdem alle informiert wurden und ausgiebig gelacht haben, bekommen wir das Bier. Auch wir haben wieder unseren Spass.

Am Sonnabend ist grosser Markttag in Maragojipe, die Bauern aus der Umgebung kommen auf Mauleseln oder Pferden in die Stadt, um ihre Produkte zu verkaufen. Auch am Anlegesteg ist viel los. Die Lastensegler bringen ganz Bootsladungen voll Menschen, die auf dem Markt einkaufen wollen. Fruehes Aufstehen garantiert natuerlich die groesste Auswahl und so sind auch wir schon um 7 Uhr auf dem Weg. Uns kommen Jungen mit vollgeladenen Schubkarren entgegen, hoffentlich gibt es ueberhaupt noch etwas wenn wir ankommen. Aber wir haetten uns keine Sorgen zumachen brauchen, das Angebot erschlaegt uns fast. Wir kennen ja schon einige Obst- und Gemuesesorten, aber hier entdecken wir immer wieder etwas neues. Es gibt auch Fleisch, Fisch, Garnelen und Krebse zu kaufen, die Gerueche sind, so frueh am Morgen, nicht leicht zu ertragen. Wir koennten auch Huehner, Ziegen, oder ein dickes Schwein erstehen, entscheiden uns dann aber doch lieber fuer die Fruechte. Mangos, Papaya, Maracuja, Apfelbananen, Jackfruechte, Ananas, Pinia, Acerola und noch etliches Gemuese haben wir eingekauft und noch nicht mal 10 Euro ausgegeben. Wir sind total geschafft und bevor wir alles zum Boot bringen, goennen wir uns erstmal ein Bier und bekommen einen Schreck, als wir auf die Uhr gucken. Erst 9 Uhr und wir sind schon am Bier trinken. Aber da das alle machen und es auch schon wieder total heiss ist, schmeckt es uns trotzdem. Jetzt muessen wir das Obst nur noch schnell vertilgen, denn bei den Temperaturen haelt es nicht solange. Alles wird aufeinmal reif, aber da Norbert jeden Morgen einen lecker Obstsalat macht, schaffen wir es.

Am naechsten Morgen wollen wir frueh los, um noch mit dem Strom aus dem Fluss zu kommen. Aber unser Motor springt nicht an, die Batterien sind leer. Wir hatten schon seid der Atlantik Energieprobleme, die Batterien sind alt und koennen den Strom nicht mehr speichern. Norbert versucht den Motor per Hand anzureissen, schafft es aber nicht. Am Ende muessen wir den Generator nutzten, um den Motor zu starten. Wir wollen zurueck nach Salvador, denn heute sollen Anke und Martin mit der ” Just do it” ankommen. Sie sind nach uns von den Kapverden gestartet und kommen jetzt aus Fernando de Norohna. Wir freuen uns auf das Wiedersehen und wollen nach 14 Tagen Einsamkeit auch mal wieder die Grossstadt geniessen. Kurz nachdem wir an der Mooring in Salvador festgemacht haben, laeuft ” Just do it” ein und der Begruessungssekt wird gekoepft. Jeder erzaehlt von der Ueberfahrt und begeistert ueber die bisherigen Erlebnisse in Brasilien. Am Abend gehen wir gemeinsam essen und feiern. Aber Anke und Martin sind doch etwas muede, sie sind ja gerade 600sm gesegelt und so ist Martin dann nach 2 Bier auch schon schoen angetuettert, aber er haelt durch. Nach 2 Tagen machen wir uns dann an die Einklarierungsprozedur. Bisher waren Norbert und ich illegal in Brasilien, denn wir wollten ein bisschen Zeit schinden. Hat ja auch 4 Wochen geklappt, aber jetzt kommt die Capitania vorbei und fragt hoeflich ob wir schon einklariert haben. Wir wollen unser Glueck nicht ueberstrapazieren und ziehen am naechten Tag mit Anke und Martin los. Zwar muessen wir 2 Stunden auf die Policia Federal warten, aber dann geht alles sehr schnell und unkompliziert. Erst Immigration, dann Gesundheitsbehoerde, Zoll und dann erstmal Mittagspause. Um 15 Uhr waren wir dann auch bei der Hafenbehoerde und sind jetzt offiziell einklariert. Bis zum 12.9. duerfen wir in Brasilien bleiben. Das ganze hat 5 Stunden gedauert und uns ausser ein paar Kopien keinen Centavo gekostet. Wir koennen nicht verstehen, wie andere Segler eine Woche dazu brauchen und das dann auch noch veroeffentlichen, z.B bei Transocean. Das wirft ein schlechtes Licht auf die brasilianischen Behoerden, was unser Erfahrung nach, nicht gerechtfertigt ist. Aber anscheinend kommen immer noch Leute barfuss und in abgeschnittenen Jeans zur Einreisebehoerde und wundern sich dann, das sie weg geschickt werden.

Wir bleiben 10 Tage in Salvador, ziehen mit Anke und Martin durch die Altstadt, gehen in unsere Sambakneipe, und nachdem Anke und ich jeweils 4 Bikinis anprobiert haben, kommen wir zu dem Schluss, das es eindeutig zu wenig Stoff ist und nicht etwa unser Hintern zu dick. Als wir am naechsten Sonntag das brasilianische Strandleben erproben, sehen wir das der Bikini auf keinen Fall den gesamten Po bedecken darf, nur ein kleinens Dreieck vorn und hinten und man darf sich auch nicht zu hastig bewegen, sonst verschiebt sich alles. Auch liegt man hier in Salvador nicht im Sand, man sitzt in der Strandkneipe, von denen eine neben der anderen steht, isst und trinkt und sonnt sich, obwohl die schoensten Maedchen ja sowieso schon schwarz sind, aber der Kulturstreifen wird gepflegt. Am besten gefaellt Norbert wie die Maedchen sich den Ruecken braeunen. Sie sitzten rittlinks auf dem Stuhl und stecken den Hintern in die Hoehe. Ja, es ist wirklich kein Wunder, das kaum ein Einhandsegler allein in Brasilien bleibt. Norbert begnuegt sich mit dem gucken, er weiss nur nicht wohin zuerst.
An einem Sonntag erleben wir einen Gottesdienst, der uns wie die Loveparade vorkommt. Der Gesang ist bis zum Ankerplatz zu hoeren und auch die Predigt koennen wir super verstehen. Wir sehen 70 jaehrige Oma`s in die Luft springen und lauthals “Jesus, Jesus” rufen. Alles singt und tanzt auf der Strasse und wieder einmal sind wir von der Lebensfreude und dem Temperament der Salvadorianer fasziniert.
Wir finden das Gewerbegebiet und dort auch ein Casa de Bateria ( Haus der Batterie), hier kaufen wir 4 neue Batterien fuer umgerechnet 200 Euro. Im Preis inbegriffen ist die Lieferung, wir koennen auch gleich mitfahren, der Ausbau der alten Batterien und der Einbau, sowie die Entsorgung. Der junge Bursche der Firma schwitzt unter Deck, aber er laesst es sich trotzdem nicht nehmen, alles allein zu machen. Er nimmt nur ein Glas Wasser an, freut sich aber ueber das Trinkgeld. Und jetzt haben wir auch 2 Jahre Garantie auf die Batterien, ob uns das in der Karibik nuetzt, wissen wir nicht, aber unser Energieproblem ist behoben. Da sind wir ja nochmal ganz gut weg gekommen, wir hatten schon befuerchtet uns ein zweites Solarpaneel anschaffen zu muessen.
Meinen Geburtstag feiern wir an Bord, Anke und Martin und Rolf und Jacinta sind eingeladen. Rolf ist auch mit dem Boot unterwegs, aber noch langsamer als wir. In Fortaleza hat er Jacinta kennengelernt und lebt jetzt mit ihr zusammen auf dem Boot. Da er Rentner ist kann er unbegrenzt in Brasilien bleiben und das nutzt er auch aus. Martin und ich schaffen uns in der Kueche und zaubern ein 3-Gaenge Menue bei 35°C. Aber wir haben Eis besorgt fuer Caipirinas und so koennen wir uns nach der Kochorgie erfrischen. Das restliche Eiswasser schuette ich mir nach der Party ueber den Kopf, so habe ich mal fuer eine Minute das Gefuehl zu frieren. Jacinta und Rolf singen mir auf portugisiesch ein Geburtstagstaendchen und wir feiern bis in die Nacht. Norbert geht es an diesem Tag leider nicht so gut, schon zum drittenmal hat ihn Montezumas Rache erwischt, anscheinend vertraegt er das Palmoel nicht, mit dem hier fast alles gebraten wird. Jedesmal kann er nach einem Essen an Land, nur Haferflocken zu sich nehmen. Aber er probiert trotzdem alles und nimmt die Nebenwirkungen in Kauf.

Wir segeln quer ueber die Bucht nach Itaparica, schon viele Segler haben uns von dem leckeren Trinkwasser das dort aus einer natuerlichen Quelle kommt, erzaehlt. Es schmeckt wirklich gut und ausserdem koennen wir hier auf der Sandbank trockenfallen. Nachdem wir das letztemal in Portugal unser Unterwasserschiff geschrubbt haben, wird es mal wieder Zeit. Eigentlich wollen wir auch neues Antifouling auftragen, aber da wir immer noch alten Lack, den wir vor unserer Abfahrt in Rostock irrtuemlich aufgetragen hatten, am Rumpf haben, begnuegen wir uns mit Schrubben und Lack abziehen. Norbert baut unser Log aus, das sowieso nichts mehr angezeigt hat, wir muessen ein Ersatzteil dafuer bestellen.
Jetzt merken wir langsam das sich das Wetter aendert, die Regenzeit beginnt und manchmal regnet es den ganzen Tag bei Temperaturen um 30°C. Das ist nicht so toll, alle Boote verwandeln sich in Zeltlager, da jeder versucht, sich einen wirksamen Regenschutz zu basteln, denn unter Deck haelt man es kaum aus. Einige Tage spaeter kommen auch Anke und Martin nach Itaparica und nach diversen Fressorgien, wo wir alle Rindfleischsorten durchprobieren, segeln wir gemeinsam nach Tororo. Dort gibt es einen Wasserfall und wir gehen 3mal am Tag ausgiebig duschen. Toll, auf einem Felsen zu stehen und von oben faellt einem Wasser ohne Ende auf den Kopf. Hier treffen wir auch Fernanda und Christian, die beiden kommen aus Rio de Janairo und sind auf dem Rueckweg nach Hause, nachdem sie um die Welt gesegelt sind. Wir unterhalten uns ausgiebig, denn die beiden koennen gut Englisch. Und wir koennen mal sehen wie trinkfest die Brasilianer sind. Aber Anke und Martin halten auch gut mit, sie haben am Abend Carne de Sol gegessen, ohne es vorher 12 Stunden zu waessern, jetzt kommen beide fast um vor Durst. Nachdem wir am naechsten Tag den Kater unterm Wasserfall ersoffen haben, segeln wir weiter nach Cacha Prego (das heisst uebersetzt Kiste Naegel). Dazu muessen wir unter einer Bruecke durch, ueber deren Hoehe sich die Segelbuecher nicht einig sind, aber wir lassen “Just do it” den Vortritt und da sie gut durchkommen, brauchen auch wir uns keine Sorgen machen.

Norbert und ich machen mit dem Dinghi einen Ausflug zur Ilha do Amor, das ist nur eine Sandbank mitten in der Barre zum Meer, von der bei Hochwasser nicht mehr viel rausguckt. Wir geniessen den weissen Strand und vorallen endlich mal wieder klares Wasser, ich finde eine kleine Schildkroete am Strand, die anscheinend gerade erst geschluepft ist und es nicht ins Meer schafft. Norbert traegt sie durch die Brandung, hoffentlich findet sie den Weg ins offene Meer. Als wir zurueckfahren wollen, ist die Stroemung so stark, das wir es kaum schaffen mit dem Dinghi voranzukommen. Ausserdem steht eine ganz fiese Welle, die uns fast zum Kentern bringt. Aber wir schaffen es, machen uns aber doch Gedanken, ob wir wirklich mit dem Boot durch die Barre fahren sollten, um nach Morro de Sao Paulo zu segeln. Aber da die andere Strecke, wieder zurueck um Itaparica, einen Umweg von 40sm bedeuten wuerde, wagen wir uns dann eines Morgens doch hinaus. Das Wetter ist bescheiden, Wind und Regen, aber da die Stroemung mit uns ist und wir alle Wegpunkte fuer den richtigen Track durch all die Untiefen haben, schaffen wir es nach einer bangen halben Stunde nach draussen. Zeitweise haben wir das Gefuehl durch kochendes Wasser zu segeln. Aber die geringste Tiefe war 2,4m und da kommen wir ja gut rueber. Die 30sm nach Morro de Sao Paulo sind nicht so toll, komische Wellen, Regen, aber guter Segelwind. Um 13 Uhr faellt der Anker in Curral. Wir liegen vor weissem Strand und Palmen ruhig im Rio Jequie und geniessen den Blick aufs freie Meer. Wir muessen nur ueber die Landzunge laufen, dann sind wir am Strand. Das machen wir auch fast jeden Tag, baden, kilometerlange Strandwanderungen, ohne einem Menschen zu begegnen, Sandburgen bauen und immer nach runtergefallenen Kokosnuessen Ausschau halten. Wir kaufen von den Garnelenfischern frische Scampis, 2kg fuer 4 Euro und schlagen uns damit den Bauch voll. Wir lassen es uns gut gehen und reden viel ueber den bevorstehenden Besuch von Jan und Simone und was wir ihnen alles zeigen wollen, in den 14 Tagen. Als das Wetter ein bisschen besser wird, segeln wir nach Garapua, eine Bucht, nicht in einer Flussmuendung, sondern direkt am Atlantik. Obwohl segeln kann man das eigentlich nicht nennen, der Wind blaest uns direkt auf die Nase und da wir nicht im Dunkeln ankommen wollen, starten wir den Motor. Vor der Bucht ist ein grosses Korallenriff und wir tasten uns mit den Wegpunkten aus einem brasilianischen Segelfuehrer hinein. Alles geht gut und im letzten Buechsenlicht faellt der Anker. Aber was ist das hier fuer eine Schaukelei, Ankern a`la Kapverden. Da Hochwasser ist kommen die Wellen fast ueber das Riff und machen sich als Schwell in der Bucht breit. Beim Abendessen muessen wir unsere Teller festhalten und da auch die Nacht sehr unruhig ist, segeln wir am naechsten Tag wieder zurueck. Vorher machen wir aber noch eine Spaziergang an Land und gehen ausgiebieg baden. Mit Rueckenwind gehts nach Curral und dann liegen wir wieder ruhig, ohne Schwell im Fluss. Tja man kann nicht alles haben, entweder Fluss und damit ruhiges, aber schwarzes Wasser, oder klares Wasser und Teller festhalten.

Wir fahren auf die andere Seite der Bucht nach Gamboa, wir wollen einkaufen und mal wieder Fleisch essen. In der Strandkneipe lernen wir einen Argentinier kennen, der hier in einem Hotel als Koch arbeitet. Wir unterhalten uns in einer Mischung aus Spanisch, Portugisiesch und Englisch und erfahren, das er in Brasilien arbeitet, weil es durch die wirtschaftliche Situation in Argentinien keine guten Jobs fuer Koeche gibt. Seine Freundin und er laden uns zu einer Sambaparty, die direkt am Strand stattfindet, ein, als wir dort ankommen ist die Party schon auf dem Hoehepunkt. Ob gross oder klein, alles tanzt und singt und das Bier fliesst in Stroemen. Auch uns haelt es nicht auf den Stuehlen, wir wollen tanzen, aber wohin mit der Handtasche. Ich stelle sie hoch auf eine Mauer, wo ich sie im Blick habe. Als ich eine Minute spaeter wieder hinsehe ist meine Tasche verschwunden. Wir bekommen einen grossen Schreck, Norbert sucht einen Weg, um hinter die Mauer zu gelangen, vielleicht ist die Tasche ja nur hinten runter gefallen. Mittlerweile haben einige Leute um uns herum meine Panik bemerkt und ein kleiner Junge wird ueber die Mauer gehievt. Kurz darauf wirft er die Tasche zurueck und klettert hinterher. Vor Freude knuddel ich den Jungen und er bekommt natuerlich auch Finderlohn. Geld war nicht viel in der Tasche, aber die Schluessel vom Boot und noch allerlei wichtige Sachen. Ein Mann klemmt sich jetzt meine Tasche unter den Arm und bedeutet uns, das er die Tasche bewacht, damit wir in Ruhe tanzen koennen. Wir haben das Gefuehl, das alle auf uns aufpassen und geniessen den Abend sehr. Wir fuehlen uns unter Freunden.

Zwei Tage spaeter segeln wir den Fluss 15sm weiter hinauf, mit der Stroemung und gutem Wind geht es schnell voran. Wir ankern vor der Stadt Cairu, die durch ein altes portugisiesches Kloster zu einem Ausflugsort fuer Touristen geworden ist. So dauert es auch nicht lange und ein Junge kommt zum Boot gepaddelt und bietet uns eine Fuehrung durch den Ort an. Heute haben wir aber keine Lust mehr an Land zu gehen, da es in Stroemen regnet. Als wir am naechtsen Tag mit dem Dinghi anlanden werden wir von viele Kindern umringt, die uns anbieten auf das Dinghi aufzupassen oder uns durch den Ort fuehren wollen. So etwas haben wir in Brasilien noch nie erlebt, das sind die negativen Seiten einer Touristenstadt. Aber wir kaufen uns mit ein paar Bonbons “frei” und erkunden die Stadt allein, die ausser dem Kloster auch nicht viel zu bieten hat. Abends sitzen die Leute vor ihren Haeusern und besprechen alles und nichts. Wer einen Fernseher hat, lasst die Fenster und Tueren offen, damit jeder von aussen zusehen kann. Wir schlendern umher und versuchen ein paar Kartoffeln zu bekommen, nach einigen Fehlversuchen, werden wir zu der Mecaderia gefuehrt, die Kartoffeln verkauft. Wir kaufen uns unser Abendbrot, denn eine geoeffnetes Restaurant finden wir nicht, heute ist Feiertag und das dann auch richtig.
Am naechsten Tag fahren wir mit dem Dinghi 15sm nach Boipepa. Durch den Fluss und enge Seitenarme die mit Mangroven bewachsen sind, suchen wir unseren Weg zum Atlantik. Wir haben tolle Bilder gesehen von der Lagune Boipepa, aber das Wetter laesst alles ein wenig grau erscheinen. Da es auf dem Hinweg wieder geregnet hat und wir klitschnass ankommen, frieren wir das erstemal seid wir in Brasilien sind und muessen uns in der Strandkneipe aufwaermen. Kein Bier, sondern Tee! Nach einer Wanderung geht Norbert dann doch noch baden, und dann rasen wir mit 20kn zurueck zum Ankerplatz. Es macht richtig Spass auch mal schnell zu fahren.
Wir segeln am naechsten Tag zurueck nach Curral und starten von dort aus nach Salvador, denn uebermorgen kommen Jan und Simone dort an, um uns zu besuchen. Wir freuen uns auf Salvador und darauf, das wir jetzt endlich unseren Freunden alles zeigen koennen und sie unsere Erlebnissen teilen. Wir geniessen den Trip von 30sm dorthin, guter Wind und Sonnenschein und die Begegnung mit einer Meeresschildkroete, bescheren uns einen wunderschoenen Segeltag.

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