maris-navigaris

1.12.2006

11.3. San Blas

Abgelegt unter: 018 Panama, San Blas — admin @ 20:31

Geschichten aus der Karibik

Bei den Kuna Indianern auf San Blas

Die Ueberfahrt zu den San Blas Inseln ist nicht so toll, wenig Wind, Gegenstrom und in der zweiten Nacht ein grusliges Gewitter und wir mittendrin. Es faengt mit einem eklig feuchtwarmen Lueftchen an, dann hat uns die Windwalze erreicht, wir reffen schnell die Genua weg. Der Himmel explodiert, es regnet wie aus Eimern, die schwarze Nacht wird nur durch die Blitze erhellt. Drei Stunden dauert der Spuk, er kracht und donnert um uns herum. Wir haben alle Antennen rausgezogen, die Laptops in den Backofen gestellt, und sitzen im Salon, gruseln uns und hoffen nur, das uns kein Blitz trifft.

Wir haben Glueck, als es hell wird, regnet es zwar noch und die San Blas Inseln liegen im grauen Licht vor uns, aber es ist alles heil geblieben. Langsam tasten wir uns durch die Riffe, die grossen Riffe kann man nur erkennen, weil sich dort die Wellen brechen. Alles geht gut und um 8 Uhr faellt der Anker vor Nargana. Nichts mit klarem Wasser, durch den Regen ist das Wasser braun von den Fluessen. Und dann ist auch schon das erste Kanu mit einer Kunaindianerin in traditioneller Kleidung bei uns am Boot und wir bekommen die ersten Molakana angeboten. Einzahl Mola, Mehrzahl Molakana, sind die Handarbeiten die die Kunaindianer herstellen, frueher haben sie sich die Motive auf den Koerper gemalt, als sie dann erstmals Kleidung gesehen haben, haben sie diese mit ihren traditionellen Mustern bemalt und heute sind es Stickereien. Es gibt zwei verschiendene Arten der Applikation, die negative und positive Form. Die Herstellung dauert je nach Art und Motiv zwischen 1-4 Wochen. Es sind wirklich wunderschoene Arbeiten, aber was soll man damit machen? Eine Mola schmueckt jetzt unseren Salon und auch unsere Familien und Freunde in Deutschland haben eine Mola, denn in den 4 Monaten, die wir auf den San Blas verbringen, konnten auch wir den Molakana nicht entkommen.

Aber erstmal steht der Besuch von Jan und Simone an und gespannt sitzen wir beim Morgenkaffee und starren in den Himmel. Da kommt auch schon der Inselhuepfer, wir springen ins Dinghi und einige Minuten spaeter koennen wir unsere Freunde in die Arme schliessen. So dicht hatten wir es noch nie zum Flughafen.
Nun nichts wie weg aus Nargana und ab auf die Trauminsel. Nur fuenf Meilen weiter ankern wir in Green Island, ein Riff, eine Insel die man in 2 Minuten umrunden kann, Kokospalmen, klares Wasser, Delphine in der Bucht. Mehr geht nicht und so faellt dann auch der Reisestress von Jan und Simone ab und nach einigen Tagen sehen sie nicht mehr ganz so blass aus(eher roetlich).
Gemeinsam mit Gerald und seiner Tocher Josepha, die gerade zu Besuch ist, mieten wir uns ein Kanu und fahren in den Urwald, den Rio Diablo hinauf. Wilde Tiere sehen wir nicht, aber viele Voegel und dann all die Pflanzen. Bananen, Ananas, Zuckerrohr, Mangos, Avocados, Papaya, Limonen, Orangen, Bambus, alles waechst hier wie wild und die Kunas kommen zum Ernten in den Wald. Als es wirklich nicht mehr weiter geht, wir mussten schon vorher das Kanu ueber die Flachs schleppen und nach einem ausgiebigen Bad im Suesswasser, drehen wir um und fahren noch den Rio Azucar hinauf. Auch hier die wilden Gaerten, jeder Familie gehoert ein Stueck davon. Oft kommen wir an kleinen Friedhoefen vorbei, die Graeber sind mit Plastikblumen geschmueckt.
Wir segeln weiter in die Coco Bandero Cays. 4 Inseln Ordupbanedup, Tuala, Tiadup, Esnatupile und unzaehlige Riffe schuetzen den Ankerplatz. Wir geniessen gemeinsam das Inselleben, Norbert uebt mit Jan schnorcheln, wir grillen am Strand, ernten Kokosnuesse, sammeln Muscheln, angeln, eines Morgens ist sogar ein Ammenhai dran, baden, essen Langusten, waschen Waesche am Wasserloch, reden, lesen, Nichtstun.
Das Wetter spielt mit, obwohl Regenzeit ist, tagelang Sonnenschein, nachts Vollmond und manchmal ein Gewitter. Und schon ist die Zeit um, Jan und Simone muessen zurueck nach Deutschland, wir segeln nach Nargana und dann kommt der Inselhuepfer und mit Traenen in den Augen heisst es Abschiednehmen. Wir hatten eine schoene Zeit zusammen und hoffen das es den Beiden auch gefallen hat. Nun wir sind wieder allein.

Gleich am naechsten Tag, segeln wir zurueck in die Inselwelt. Wir ankern nochmal in Green Island, danach geht es in die Holandes Cays. Auch hier wieder ein wunderschoener Ankerplatz, nur 2m Wassertiefe, wir sehen die Fische unter dem Boot schwimmen. Mit dem Dinghi machen wir Ausfluege zu den Riffen, bei jedem Schnorchelgang entdecken wir etwas Neues. Nach einer Woche haben wir genug, denn so schoen der Ankerplatz auch ist, aber 10 amerikanische Yachten um uns herum, ist dann doch ein bisschen viel, wir suchen die Einsamkeit und finden sie in Orduptarboat. Hier anken wir allein, nur manchmal kommt eine Kunafamilie, oder einige Fischer zu Uebernachten auf die Insel. Dann unterhalten wir uns, immer die gleichen Fragen, woher kommt ihr, wie heisst ihr, wie lange bleibt ihr und solls eine Mola sein? Wir tauschen Reis, Zucker, Kaffee, gegen Langusten, Wasser gegen Fisch.

Wir wollen ans Festland, um noch eine Flusstour zu machen, aber nach einer Nacht fliehen wir wieder ans Aussenriff, Moskitos und Nonos(ganz kleine schwarze Biester, sie durch alles Ritzen kommen) schlagen uns in die Flucht. Also keine Flusstour, dafuer eine neue Insel, Miriadiadup. Hier lebt staendig eine Kunafamilie, bzw. mehrere, denn sie wechseln sich alle drei Monate ab und wir lernen uns naeher kennen. Es faengt mit dem Molageschaeft an. Wir tauschen Kleidungsstuecke gegen Molakana. Die ganze Familie kommt zu Besuch an Bord, Kaffee wird serviert und dann begutachten Adalaide und Adalia, Mutter und Tochter, alle Sachen, die wir zum Tauschen haben. Wie im Kaufhaus wird ausgewaehlt, das gefaellt, das nicht, das koennte Opa passen, die Socken sind sehr begehrt???, genauso wie BH`s. Mit Kennerblick werden die Marken T-Shirts ausgewaehlt, No Name hat keine Chance. Als das zur Zufriedenheit aller erledigt ist, gehts an die Auswahl der Molakana. Jetzt muss ich begutachten und auswaehlen und da ich keine Ahnung habe, nehm ich einfach die Molakana, die mir gefallen.
So nun ist der geschaeftliche Teil erledigt und in der naechsten Zeit wird nicht mehr getauscht, sondern jetzt werden nur noch Geschenke gemacht. Wir bekommen Fisch und Yucca (eine Knolle, die aehnlich wie Kartoffeln zu bereitet wird und uns besonders frittiert schmeckt) geschenkt und als Gegengeschenk bringen wir beim naechsten Besuch eine Sonnenbrille oder eine Musik CD mit. Nach 10 Tagen segeln wir weiter, die ganze Familie steht am Strand und winkt zum Abschied.

Jetzt muessen wir mal langsam zum Einklarieren, zwei Monate sind wir nun schon hier. Und ich bekomme unerwartet die Moeglichkeit nach DL zu fliegen, Harmen und meine Eltern spendieren mir das Ticket. Ich hatte Harmen im Spass eine Mail geschickt und ihn gefragt, wenn er eine Kuechenmietze fuer die Hansesail braucht, muesse er mir nur das Flugticket schicken und ich wuerde kommen. Und dann hecken er und meine Eltern einen Plan aus und ich bekomme mein Ticket und kann im August fuer drei Wochen nach Hause fliegen!!! Norbert ist zwar traurig, das ich solange weg sein werde, freut sich aber fuer mich. Er selbst hat keine grosse Sehnsucht nach DL. Er wuerde gern fuer einen Tag in Rostock sein, seine Eltern besuchen, Freunde treffen und eine deutsche Wursttheke leerkaufen.
Und so segeln wir nach Porvenir und erledigen den Papierkram. Die Behoerden sind sehr nett, locker gekleidet, T-Shirt ueberm Bauch hochgerollt und mit ein bisschen Smalltalk koennen wir den Einreisebeamten dazubringen, nicht zu fragen, wo wir denn die letzten zwei Monate, seid Cartagena gewesen sind. 105 Dollar kostet die ganze Prozedur. Und da wir schon grad beim Geld ausgeben sind, kaufen wir gleich noch ein. Kartoffeln, Tomaten Zwiebeln, ein “frisches” gefrorenes Huhn, Bier, Benzin usw. Man bekommt fast alles was man zum Leben braucht, aber die Preise liegen zwischen 20-50% hoeher als in Panama.

Nachdem wir zwei Ankerplaetze verworfen haben, finden wir in Yansaladup genau den Platz nachdem wir suchen, geschuetzt nach allen Seiten durch Riffe, eine Insel, Einsamkeit. Hier will Norbert die drei Wochen allein verbringen und wir koennen den Ankerplatz noch auf Tauglichkeit testen solange ich da bin. Denn wir haben ein Gewitter mit 70 kn Wind (>63 kn, Windstaerke 12, Orkan). Schon waehrend der ganzen Zeit auf den San Blas Inseln, hatten wir oft Gewitter, mit starken Windboen und viel Regen. Eine Zeit lang konnte man die Uhr danach stellen, Nachts um 3 Uhr gings los. Am Ende sind wir schon vorher aufgewacht. Aber so schlimm wie jetzt wars noch nie. Morgens beginnt es zu Heulen, bevor wir wissen wie uns geschieht, kreischt der Wind im Rigg, man kann sein eigenes Wort nicht mehr verstehen. Unser Sonnendach knallt hin und her, wir haben Angst das es jeden Moment reisst und in den Windgenerator kommt. Unter Anstrengungen und indem wir alle Leine kappen, gelingt es uns das Dach runterzuholen, auch der Regenschutz auf dem Vorschiff muss weg. Man kann sich an Deck kaum auf den Beinen halten, der Regen tut weh auf der Haut. Die Sicht betraegt ca.1m, wir sind mitten im grauen Nichts. Wir werfen den Zweitanker, der an der Reling haengt, ins Wasser und Norbert macht den Motor an. Angespannt beobachten wir das Echolot, aber flacher als 3m wird es nicht und als nach einer Stunde der Spuk vorbei ist, sind wir sicher, der Anker hat gehalten. Norbert geht tauchen, der Anker und ca. 20m der Kette sind nicht mehr zu sehen, eingegraben in den Sand.

Auch unsere Nachbarn, 2 Kunafamilien haben das Unwetter gut ueberstanden. Auf der Palmeninsel, auf der Jose mit seiner Frau und einer Nichte wohnt, ist nur eine Kokospalme umgeweht worden. Und bei unseren Freunden, den “Flotters” hat es das Dach von der Huette abgehoben. Die “Flotters”, wohnen auf einer Koralle, die sie nach und nach weiter ausbauen, indem sie taeglich abgestorbene Korallenbloecke vom Riff holen und ums Haus herum aufschichten. Dadurch sammelt sich dort Sand und sie haben schon einen eigenen kleinen Strand. Auf unsere Frage, warum sie denn nicht auf einer der groesseren Inseln wohnen, sagen sie dort sei kein Platz, immer mehr Menschen leben dort. Das ist wirklich ein Problem auf den San Blas Inseln, die Kindersterblichkeit ist stark zurueck gegangen, denn mittlerweile werden die Kinder im Hospital geboren, es gibt Impfungen und med. Versorgung und die Menschen werden auch aelter, als noch vor 10 Jahren. Und so wird der Platz knapp, irgendwann ist eine Insel eben mal voll. Zumal fast jede Familie zwischen 3 und 8 Kinder hat. Auch Fam. Flotter hat 7, das Baby ist gerade mal 10 Wochen alt und hat noch keinen Namen. Als wir unsere Freunde auf ihrer Koralle besuchen, werden wir aufgefordert, dem Baby einen Namen zu geben, wir denken darueber nach und kommen dann auf den Namen Poseidon, das passt irgendwie, waechst doch das Baby mitten im Meer auf.
Wir schreiben den Namen und die Bedeutung auf und uebergeben, Luperto, dem Vater, den Zettel, er haelt ihn verkehrt rum, er kann nicht lesen und schreiben. Auch die Kinder waren nur mal fuer ein, zwei Monate in der Schule. Und so werden mir dann alle Geburtsurkunden uebergeben und ich solle doch mal sagen wie alt jeder ist. Das ist auch ein bisschen schwierig, da sie nur die Zahlen bis zehn auf spanisch koennen, aber letztendlich, nach viel Gelaechter und Erstaunen, weiss jeder wie alt er ist.

Und dann ist es soweit, nachdem Mimia, die Oma der Flotters, mir versichert hat, das sie auf Norbert aufpassen und mir eine Bestelllisten mitgegen hat, faehrt Jose mich frueh um 5 Uhr noch im Dunkeln ueber die Riffe nach Porvenir, von wo aus ich nach Panama City fliege und dann am naechsten Tag weiter nach DL. In Rostock werde ich von allen herzlich begruesst und in den drei Wochen richtig verwoehnt, vielen Dank ihr Lieben fuer die schoene Zeit. Norbert hat in San Blas weiter mit dem Wetter zu kaempfen, immer wieder Gewitter mit viel Wind, aber in Yansaladup liegt die “Antje” geschuetz und alles geht gut. Aber einige kleine Katastrophen gibt es doch, erst ein Kabelbrand, der schnell zur grossen Katastrophe haette werden koenne, waere Norbert nicht an Bord gewesen, dann sticht Luperto bein Barakkuda fischen, ein Loch in unser Dinghi, welches Norbert aber gleich wieder flicken kann und letzendlich gibt das Kurzwellengeraet seinen Geist auf. Wenn ich schonmal nicht da bin!
Nun die drei Wochen sind um, ich bin wieder “zuhause”, Norbert empfaengt mich in Porvenir und wir fahren gemeinsam zurueck in unser kleines Paradies. Auch die Flotters freuen sich, das ich wieder da bin, ich hoffe nicht nur wegen der grossen Tasche, mit Geschenken fuer die ganze Familie. Unser Alltag beginnt, Angeln, Brot backen, am Boot werkeln, schnorcheln gehen, Regenwasser sammeln, Waesche waschen, den Flotterkindern die Haare schneiden, Spanischunterricht, taeglich eine Stunde mit Elbecio( ich bin der Lehrer!), Besuche auf den Inseln. Die “Tanoa”, mit Micha und Sylvia kommt aus Cartagena, gemeinsam geniessen wir noch 10 Tage Inselleben und dann heisst es mal wieder Abschied nehmen, wir wollen weiter nach Colon, zum einen um das Kurzwellenradio reparieren zu lassen, aber auch um bald durch den Panamakanal zu gehen, denn die Pazifikseite von Panama hat noch viel Interessantes zu bieten.
Als wir ganz frueh am Morgen Ankerauf gehen, kommen unsere Freunde, die Flotters im Kanu hinterher gefahren und mit Traenen in den Augen verabschieden wir uns von allen, wir haben diese einfachen Menschen sehr ins Herz geschlossen und auch der Abschied von den schoenen Inseln im blauen Wasser faellt uns schwer. Aber der Pazifik wartet auf uns, unbekannte Inseln, neue Begegnungen, andere Abenteuer. Traurig sind wir trotzdem!

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