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1.4.2006

Venezuela, auf Los Testigos

Abgelegt unter: 013 Venezuela, auf Los Testigos — admin @ 10:38


Venezuela, auf Los Testigos

 

Am 13.12.2005 ist es soweit, wir verlassen Trinidad mit Kurs Los Testigos, eine dem Festland vorgelagerte Inselgruppe, die zu Venezuela gehoert. Gemeinsam mit Heinz und Andrea von der “YabYum” segeln wir gegen 13 Uhr aus der Scotland Bay, um die 100sm in Angriff zu nehmen. Wir wollen zusammen segeln, denn unser Kurs geht dicht am venz. Festland vorbei und es hat hier schon Piratenueberfaelle auf offener See gegeben. Der Wind blaest kraeftig und auch eine starke Stroemung schiebt uns voran, wir merken schnell, das es garnicht so einfach ist, zusammen zu bleiben. Wir muessen immer mehr reffen und so bremsen, denn die “YabYum” kann nicht richtig mithalten. Am Ende steht nur noch ein kleines Stueck unserer Genua und trotzdem fahren wir 7kn. Aber der Abstand zu Heinz und Andrea bleibt nun gleich und wir koennen uns aufs Angeln konzentrieren. Und siehe da, es klappt auch, eine schoene Golddorade ist unser Lohn. Als es dunkel wird, kommen auch wieder die ollen Squalls, mit denen wir ja schon auf der Fahrt nach Tobaga zu kaempfen hatten und halten uns in Atem. Aber da es ja nichts mehr zu reffen gibt, muessen wir nur verstaerkt Ausschau halten, denn in den Regenschauern sieht man die Hand vor Augen nicht. Gegen 2 Uhr nachts haben wir die Inseln voraus, so war das eigentlich nicht geplant, wir sind ja extra erst mittags losgefahren, um am naechsten Morgen, im Hellen anzukommen. Aber da wir so schnell waren, nutzt nun der ganze schoene Plan nichts mehr. Da es hier draussen nicht sehr gemuetlich ist und die Ansteuerung auch nicht schwierig erscheint, beschliessen wir es zu versuchen und laufen den Ankerplatz an. Der Mond bescheint uns schoen das Riff und den Strand und wir koennen alles gut erkennen. Nur eine andere Yacht, die kein Ankerlicht gesetzt hat, erschrickt uns, als wir sie erst im letzten Augenblick sehen. Hinter uns schiebt sich auch die “YabYum” in die Bucht und um 3 Uhr fallen die Anker ins Wasser und wir in die Kojen. 100sm in 14 Stunden, das kann sich sehen lassen (und wir haetten ja sogar noch schneller gekonnt)

Am schoensten ist dann wieder der Morgen danach, als wir aufstehen, geniessen wir erstmal den Rundumblick. Weisser Strand, dann ein kleiner Streifen Mangrovengruen und dahinter der braune Berg, unter uns tuerkisfarbenes, klares Wasser, das Riff zeigt sich in braun, blau und weiss. Ueber uns jede Menge Voegel, Toelpel, Fregattvoegel und Pelikane, alle bei der Arbeit, d.h beim Fischen. Sie stuerzen sich um unser Boot herum ins Wasser, das es manchmal bis auf den Fruehstueckstisch spritzt. Wir kommen garnicht richtig zum Essen, immer wieder gibt es etwas neues zu sehen. Nach dem Aufraeumen machen wir unser Beiboot klar, um zur Nachbarinsel Iguana zur Guarda Costa (Kuestenwache) zu fahren und uns anzumelden. Wir werden dort auch freundlich empfangen, aber uns wird unmissverstaendlich klargemacht, das wir nur 48 Stunden bleiben duerfen und dann nach Margarita zum Einklarieren muessen. D.h. uebermorgen sollen wir wieder kommen, uns abmelden und dann die 50sm nach Margarita segeln. Wir sind etwas irritiert, wurde uns doch von anderen Seglern immer versichert, diese Regelung wuerde nicht so eng gesehen und schon garnicht durch Kontrollen durchgesetzt. Wir beschliessen erstmal abzuwarten und den Tag zu geniessen. Zurueck an Bord macht Norbert gleich einen ausgiebigen Schnorchelgang, ich bleibe an Bord, da ich leichte Ohrenschmerzen habe. Am Abend essen Andrea und Heinz bei uns, nachdem wir einen genauen Fischverwertungsplan entworfen haben, denn die Beiden haben auch noch einen grossen Wahoo gefangen, sodass wir mal wieder Fisch satt haben. Einen Teil wecken wir ein, es wird geraeuchert und wir essen 2 Abende gemeinsam davon.
Den naechsten Tag nutzen wir zu einer Inselwanderung auf die andere Seite. Hier gibt es eine grosse Duene, die uns ein bisschen an Lencois erinnert und auf der Luvseite der Insel koennen wir in der Brandung baden. Riesige Wellen spuelen an den den Strand und wir mittendrin. Wir klettern auf Felsen, beobachten von oben viele Schildkroeten, wandern am Strand entlang und suchen Muscheln. Ach was haben wir doch fuer ein herrliches Leben!
Am Abend sind wir bei Christ und Elisa eingeladen, Niederlaender, typisch hollaendisch nett und aufgeschlossen, die schon seit 10 Jahren in Venezuela segeln. Sie erzaehlen uns, wie sich seit der Chavesregierung fuer uns Yachties vieles zum Schlechten geaendert hat. Konnte man frueher an der gesamten Kueste Venezuelas ohne Probleme ankern, ist das nun nicht mehr moeglich. Bewaffete Ueberfaelle, auch auf einheimische Fischer und Diebstaehle sehen auf der Tagesordnung. Wer dorthin faehrt, bekommt eine Ueberfallgarantie. Aber laut Christ und Elisa gibt es auch noch viele Orte an denen man sich, mit entsprechender Vorsicht, frei bewegen kann, Testigos und die anderen Offshoreinseln gehoeren dazu. Wir hoeren all dies und sind hin und hergerissen, wir koennen uns die Situation nach unseren guten Erfahrungen in Brasilien, kaum vorstellen. Elisa und Christ sagen uns auch, das wir garnicht erst zur Guarda Costa haetten gehen sollen, dann haette uns auch niemand gesagt, das wir nur 48 Stunden bleiben duerfen. Naja, dafuer ist es nun zu spaet, aber wir beschliessen, uns morgen offiziell abzumelden und dann eine Bucht weiter zu fahren. Wenn wir dort kontrolliert werden, dann haben wir eben einen Maschinenschaden oder aehnliches.

Nachdem wir uns nun abgemeldet haben, segeln wir am naechsten Tag in die Bucht vor Testigo Pequeno(Klein Testigos) und ankern hier dicht am blendend weissen Strand. Es ist nur eine schmale Landzunge, die uns vor der anderen Seite schuetzt und von Deck aus koennen wir die Brandung sehen. Wir aber liegen geschuetzt in herrlich klarem Wasser. Hier bleiben wir solange bis der Proviant alle ist und uns niemand auf die Schliche kommt, wir lassen es einfach drauf ankommen, im Gegensatz zu Heinz und Andrea, die aengstlicher sind und am naechsten Tag absegeln.
Als Norbert eine Ausflug zum Strand macht, kommt er mit den Fischern ins Gespraech, die ihm dann auch gleich 8 Snapper schenken, wir haetten zwar lieber eine Languste, aber die sind nur fuer den Verkauf bestimmt, 12 Dollar pro Kilo sind uns aber zu teuer. Nun gibt es also wieder Fisch, aber da wir auf keinen Fall 8 Fische schaffen, faehrt Norbert zum Nachbarschiff und laed Peter und Maria von der “Pinocchio” zum abendlichen Barbeque am Strand ein. Die beiden sind auch gleich begeistert und wollen das Bier beisteuern, was wiederum gut fuer uns ist, denn Bier ist knapp bei uns, haben wir doch nur einige Flaschen von dem teuren Trinidadbier an Bord. Da es am Abend anfaengt zu regnen, verlegen wir die Party in die Huette von TschongTschong, einem alten Fischer, der Abseits vom Dorf, am Strand lebt. Peter und Maria kennen ihn schon lange und da Maria Venezuelanerin ist, ist auch die Verstaendigung kein Problem. Denn mein Spanisch ist doch sehr eingerostet und ich falle immer wieder ins portugiesische. Bei Tschong Tschong leben ausser ihm noch mehrere Hunde, einer davon ist ein Welpe, schwarze Schweine in verschiedenen Groessen und ein Affe, der Toni heisst. Toni wurde von einem deutschen Segler, der anscheinend nicht ganz ordentlich im Kopf ist, aus Brasilien mitgebracht und da ein Affe nun wirklich nicht auf ein Boot gehoert, zumal im Kaefig eingesperrt, ist es kein Wunder das er verrueckt und bissig wird. Als dieser “Tierfreund” dann nicht mehr klarkam mit Toni, hat er ihn zu TschongTschong nach Testigos gebracht, wo Toni nun sein trauriges Leben weiterhin im Kaefig verbringen muss, denn ueberleben kann er auf Testigos ohne seine Artgenossen natuerlich nicht. Tonis traurige Augen, machen uns wuetend auf diesen verantwortungslosen Segler, wie kann jemand nur soetwas tun. Am besten man sperrt den Menschen in einen Kaefig und stellt ihn dann im Urwald bei den Affen aus. TschongTschong tut sein bestes, aber er kann Toni auch nicht aus dem Kaefig lassen, weil er wirklich aggressiv ist und die Menschen beisst, kann man ja auch verstehen.
Trotzdem ist der Grillabend nett, wir erfahren auch von Peter und Maria viel ueber Venezuela und TschongTschong hat auch so manche Geschichte auf Lager. So erzaehlt er uns zb. das er mit allen Menschen die auf Testigos leben, irgendwie verwand ist und er meint, das ich auch Mutter seiner Kinder waere, wenn wir uns vor 30 Jahren kennengelernt haetten. Naja, ich nehme es als Kompliment.

Da es den ganzen Abend gestuermt und geregnet hat, bekomme ich dann am naechsten Morgen auch die Rechnung. Ich hatte ja schon ein paar Tage Ohrenschmerzen und nun liege ich richtig flach. Fieber, ein dickes Ohr und Schmerzen. Es hilft also nichts, ich muss im Bett bleiben und Antibiotika schlucken. Norbert ist aber immer unterwegs, an Land zum Erkunden, auf dem Wasser zum Angeln und unter Wasser zum schnorcheln. Wir beschliessen Weihnachten hier zu verbringen, denn bisher hat sich noch niemenad von der Guarda fuer uns interessiert und dank Peter, der uns Bier und Rum verkauft und eine Lebensmittelversorgung fuer uns aus Margarita organisiert, haben wir auch wieder genug zu essen und zu trinken an Bord. Ausserdem fuehle ich mich wirklich nicht gut und habe keine Lust so angeschlagen weiter zu segeln. So kann ich mich dann auch erholen und zur Weihnachtsparty geht es mir schon besser. Gemeinsam mit 4 anderen Yachten feiern wir am ersten Feiertag “Weihnachten in der Karibik”. Da es kein Tannengruen hier gibt, basteln Maria und ich aus angespuelten Faecherkorallen einen etwas anderen Weihnachtsbaum. Muscheln werden zu Weihnachtskugeln und Korallenreste zu Lametta. Zur Party bringt jeder etwas zu essen und zu trinken mit und TschongTschong braet fuer alle Thunfisch. Es ist ein schoener Abend, aber trotzdem fehlt zur richtigen Weihnachtsstimmung etwas. Vielleicht die Kaelte, aber wahrscheinlich sind es doch eher unsere Familien und unsere Freunde.
Wir geniessen noch einige Tage in Testigos unser Robinsonleben, aber dann ist wirklich auch die letzte Konserve aufgebraucht und wir machen uns am 29.12.2005 auf den Weg zurueck in die Zivilisation, auf zur Isla Margarita, nach Porlamar. Leider muessen wir die ganze Strecke motoren, denn kein Lueftchen regt sich.

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