Kanton 4 Freunde
Unsere Freunde in Kanton
Ich weiß gar nicht was ich dazu schreiben soll. Alle Bewohner von Kanton wachsen uns so sehr ans Herz, das wir sie wohl nie vergessen werden. Jeder gibt uns das Gefuehl zu ihnen zugehören und schon nach einigen Wochen sind wir total im Dorf integriert. Jeder ist zu einem Schwaetzchen bereit und immer wenn wir eines der Kinder treffen, heißt es Mauri, Where you are going? Einfache Frage, aber nicht so leicht zu beantworten, denn die Möglichkeiten sind begrenzt. Also muss ein Spaß her und am Ende mutiert die ganze Sache zum Wettbewerb zwischen den Kindern und mir. Supermarkt, Disco, Kino, Bar, Schwimmbad, Weltall immer muss ich mir was neues ausdenken. Noch Tage später werde ich gefragt, wie es denn dort war.
Ueberhaupt haben wir noch nirgendwo anders so lustige, witzige ausgeglichene Menschen getroffen. Auch das monatelange Ausbleiben des Versorgungsschiff wird zum Witz erklaert, der Verlust von Dingen wird einfach hingenommen. Selbst wenn die teuer georderten Sachen voellig vergammelt endlich in Kanton ankommen, ist das nur kurz ein Grund zum Traurig sein. Das Leben geht weiter und alle Probleme werden sich entweder loesen, oder einfach vergessen. Der Alltag geht gemaechlich vonstatten, auch wir werden nach einiger Zeit immer langsamer. Als die La Gitana eintrifft, wundern auch wir uns ueber die Hektik die, die beiden ausstrahlen.
Das Verrinnen der Tage wird nur unterbrochen vom Eintreffen des Versorgungsschiffes, der “MS Matangere”. Als wir das zum erstenmal erleben, gleicht es einem Schock. Ein riesiger verrosteter Dampfer ankert vor dem Pass und ploetzlich sind 50-70 unbekannte Menschen auf Kanton. Die Passagiere nutzten natuerlich die Gelegenheit fuer den Landfall, nachdem sie meist schon 10 Tage von Tarawa aus unterwegs sind. Unzaehlige Saecke, Kartons und Kisten werden ausgeladen, fast genau so viele gehen auch zurueck auf die “Matangere”. Die Bewohner von Kanton denken an ihre Familien auf den anderen Kiribatiinseln. Sie schicken gesalzenen Fisch oder auch mal ein paar lebende Schweine zu ihnen. Bwete und Takio verschicken ihre Saecke voll getrockneter Seegurken zu einem Agenten, der diese wieder rum nach China verkauft, wo Seegurken eine Delikatesse sind. Nun hoffen die beiden auf gutes Geld, ca. 15 Dollar bekommen sie pro Kilo. Auch die Kinder werden verschickt, sie muessen fuer die weiterfuehrende Schule nach Tarawa oder Chrismas. Aber keine Sorge, meist findet sich an Bord ein weitlaeufiges Mitglied der Familie, welches auf die Kinder acht gibt. Ueberhaupt Familie, die ist so weitlaeufig und ueber verschiedene Inseln verteilt, das es immer erst geprueft werden muss, wenn ein Junge und ein Maedchen sich verlieben. Innerhalb der Familie ein absolutes Tabu. Wie Donna uns lachend erzaehlt, wird dies auch oft missbraucht, wenn die Eltern mit der Wahl nicht einverstanden sind. Dann heisst es einfach- Familie.
Einige unsere Freunde verlassen waehrend unseres Aufenthaltes die Insel, der Sohn von Riino, samt Frau und Enkelsohn, waren nur zu Besuch, Donna faehrt in den Schulferien mit der gesamten Familie zu Besuch nach Chrismas. Ioane verlaesst Kanton fuer immer, er ist einer unser besten Freunde und wir sind sehr traurig. Da er sich aber zu freuen scheint, lachen auch wir zum Abschied. Als wir schon in Samoa sind, erfahren wir, das Ioane gestorben ist, er hat Diabetes und unzaehlige infizierte Wunden, sodass sein Bein in Tarawa amputiert werden musste und das hat ihm wohl allen Lebensmut geraubt und er ist tot. Wir sind wirklich traurig und versuchen bis heute Kontakt per email zu seiner Familie zu halten.
Auch Marotita reist ab, er will sich woanders einen Job als Polizist suchen, Teta kommt fuer ihn auf die Insel. Es kommt auch eine zweite Lehrerin samt Mann und vier Kindern. Wir freuen uns fuer Donna, denn mit 18 Kindern als einzige Lehrerin musste sie sich ihr Gehalt, von ca. 1200 Dollar(ca. 600 Euro) hart verdienen.
Fuer die Bewohner ist der Besuch des Schiffsladens die einzige Shoppingquelle. Und so stehen wir alle aufgeregt wie Kinder am Warf und warten auf das Beiboot, welches uns zur “Matangere” bringt. Dort angekommen erschrecken mich der desolate Zustand des Frachters und die hundert fremden Gesichter, die uns von Deck aus anstarren. Das Schiff ist total ausgebucht und erinnert mich an einen Fluechtlingsdampfer. Und alle sind fremd und scheinen garnicht so nett zu sein wie unsere Leute. An die halte ich mich auch auf dem Boot, der Schiffsshop kann nur einzeln betreten werden aber ich quetsche mich mit Brandon hinein. Es gibt Seife, Suessigkeiten, chin Nudelsnacks, Stoff, Zigaretten, Kochtoepfe, Messer,Klamotten und Zahnbuersten. In Kanton ist alles willkommen und so regt sich auch niemand auf, dass die Preise total ueberzogen und die Zigaretten verschimmelt sind. Ich begnuege mich mit einem Messer, braucht man immer, und Lollys fuer die Kinder. Dann mache ich mich mit Brandon auf den Weg zum Chefingenieur dem wir unbedingt Benzin abluchsen muessen. Das klappt auch und unsere mitgebrachten Kanister werden gefuellt. Bevor wir wieder an Land gebracht werden, sammle ich noch meine Bestellung, die ich schon vor 8 Wochen ueber Riino gemacht und bezahlt habe, ein. Naniseni und Brandon helfen mir da, die Sachen sind uebers ganze Deck verteilt, aber es findet sich alles an. Gluecklich lade ich zurueck zuhause meine Schaetze aus. Ein Sack Mehl, Milchpulver, Zwiebeln, Zucker und eine Stiege Bier.
Nach einigen Stunden ist der Spuk vorbei, die Passagiere gehen zurueck an Bord, die “Matangare” holt Anker auf und verschwindet am Horizont. Auf Kanton zieht wieder Ruhe ein, die Kinder haben die Backen voll mit den letzten Kaugummis, die Maenner rauchen alle gekauften Zigaretten auf, die Frauen schwelgen an den Kochstellen ueber dem neuen Teekessel und alle sind zufrieden.
Mitte April heisst es fuer uns Abschied nehmen, die Cyclonsaison ist zu ende. Immer wieder verschieben wir unsere Abfahrt, die Party muessen wir noch mitmachen, das Wetter passt nicht, Norbert hat Fieber. Gruende koennten wir viele finden, aber wir muessen los. Unser Proviant ist alle und wir beide haben erste Mangelerscheinungen. Norbert sieht nach einer Fieberattacke aus wie ein Skelett und auch ich habe alle ueberzaehligen Pfunde verloren.
Wir verabschieden uns von unseren Freunden, Naniseni laesst am Nachmittag vor unserer Abreise noch ein Schwein schlachten, damit wir etwas zu essen haben auf der Fahrt.
Letzte persoenliche Geschenke wechseln den Besitzer, Kaiitu schreibt uns einen Brief, Traenen fliessen auf beiden Seiten. Als wir zum letztenmal mit dem Dinghi zum Boot zurueckfahren stehen alle Kinder am Warf und singen lauthals unser gemeinsames Lieblingslied, sodass es sogar das Motorgeraeusch uebertoent. Ich kann mich garnicht wieder einkriegen und schluchtzend erledigen wir die letzten Arbeiten an Bord.
Am naechsten Morgen schiebt der Strom uns durch den Pass und alle Bewohner stehen am Ufer, um uns zuzuwinken. Immer kleiner werden die Silhouetten unserer Freunde und schliesslich verschwindet auch der letzte Rest Kanton hinterm Horizont.
Wir sind total deprimiert und machen nur das noetigste an Bord. Wir erzaehlen uns gegenseitig “Weisst du noch Geschichten” und fragen uns, ob es ein Fehler war nicht einfach dort zu bleiben. Kanton und unsere Freunde dort werden fuer immer einen besonderen Platz in unseren Herzen haben. Dieses halbe Jahr war das schoenste unserer Reise und wir werden es nie vergessen. Es dauert lange, bevor wir wieder anfangen unsere Weltumsegelung zu geniessen und bereit sind, auf neue Menschen und neue Orte zuzugehen und nicht alles mit Kanton vergleichen.
Auch jetzt, wo ich diese Erinnerungen aufschreibe, sind wir uns bewusst, was wir dort erleben konnten und auch nach ueber einem Jahr haben wir immer noch Sehnsucht nach Kanton, Phoenix Island, Kiribati.
Antje an Bord der “ANTJE” in Bundaberg, Queensland, Australien